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21.10.2017, 11:52 Uhr | Stefan Staindl - Wochenkurier Übersicht | Drucken
„Widerstände werden nicht ausbleiben“

Elsterwerda. Die Stadt Elsterwerda bekommt einen neuen Verwaltungschef. Anja Heinrich hat die Bürgermeisterwahl mit 61,7 Prozent gewonnen.

Frau Heinrich, über das Ergebnis der Bürgermeisterwahl in Elsterwerda konnten Sie jetzt einige Nächte schlafen. Wie bewerten Sie diesen sehr deutlichen Sieg?

Anja Heinrich: „Er ist eine große Wertschätzung meiner Arbeit der vergangenen Jahre. Ich bin voller Stolz und auch Demut. Ich habe im Wahlkampf deutlich gemacht, was mir am Herzen liegt, was für die Stadt aus meiner Sicht dringend erforderlich ist und gleichermaßen, was ich sehr kritisch sehe, ohne den Amtsinhaber und die Gegenkandidaten zu diskreditieren. Ich habe ein Angebot unterbreitet, was einerseits umsetzbar und andererseits nachhaltig sein wird. Im Vordergrund stand immer das Gespräch mit den Bürgern, nicht, um zu missionieren, sondern zum Mitgestalten zu begeistern und für neue Ideen zu sensibilisieren.“

Ab Februar 2018 sitzen Sie auf dem Chefsessel im Rathaus in Elsterwerda. Mit welchen Gefühlen blicken Sie auf diesen Moment?

Heinrich: „Wenn man die Chance bekommt, in einem Team zu gestalten, zu entwickeln, Ideen umzusetzen und neue Ideen reifen zu lassen, dann erfüllt es mich mit Freude. Ich bin mir aber auch durchaus darüber bewusst, dass dieses Amt mit großen Herausforderungen verbunden ist. Jeder, der sich mit den Anforderungen und dem bislang Geleisteten auseinandergesetzt hat, weiß, dass man auch missliebige Entscheidungen zu treffen hat, nicht nur Wohlwollen erfährt und Widerstände nicht ausbleiben werden. So blicke ich auf den Start in einen neuen Lebensabschnitt voller Ehrfurcht, Neugier, Freude und mit viel Elan.“

Sie haben jetzt die Chance, Elsterwerda in den nächsten acht Jahren zukunftsfähig aufzustellen. Welcher Bereich liegt Ihnen dabei am meisten am Herzen?

Heinrich: „Es sind viele Bereiche, die es gilt, neu und zukunftsfähig zu gestalten. Ohne funktionierende Wirtschaft, unseren Unternehmern und Arbeitnehmern ist eine Stadt nicht handlungsfähig. Die industrielle und private Landwirtschaft prägen unsere Region seit Generationen. Bereits gegenwärtig arbeite ich an den Vorbereitungen zur AGREDA, die dringend qualifiziert, länderübergreifend und regional wirtschaftsfördernd aufgestellt werden muss. Wir müssen uns mit nachhaltigen und langfristigen Projekten als Stadt und Region gemeinsam mit den Umlandgemeinden profilieren. Darüber hinaus müssen wir den Schulstandort stärken und nicht zuletzt dafür Sorge tragen, das Angebot der Förderschule zu erhalten. Weiterhin gilt es, das Gründerzentrum neu zu konzipieren und für Jungunternehmer attraktiv zu machen. Eine besondere Aufwertung könnte der Ortsteil Kraupa erfahren. Gemeinsam mit Vereinen und Akteuren sollte man die Gemeinde neu bewerben und als künftige Naturparkgemeinde präsentieren. Es ist ein besonders schöner Ort, der wieder mehr gehört werden muss. Zudem initiiere ich bereits die Vorbereitungen zur Konzeption des ersten Freilandmuseums zur Stadtgeschichte für unseren Stadtpark. Das sind nur einige wenige Beispiele, aber eines nach dem anderen.“

Wo sehen Sie weitere Herausforderungen in der Stadt, die es in den kommenden Jahren zu bewältigen gilt?

Heinrich: „Elsterwerda wirbt dieser Tage mit  einem ’vergoldeten‘ Haushalt. Demnach wissen wir gar nicht, wo wir das Geld zuerst ausgeben können (lacht). Ich kann Ihnen versichern, dass wir auch in den kommenden Jahren unseren Haushalt mit Bedacht führen werden und führen müssen. Der gegenwärtige Haushaltsstand und die Auflösung der Rücklagen darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Stadt keinerlei nennenswerte Beteiligungen innehat, von deren Überschüssen man partizipieren könnte. Allein im Vertrauen auf die Gewerbesteuer, Schlüsselzuweisungen und allgemeiner Steuereinnahmen muss die Stadt ihren pflichtigen Aufgaben nachkommen und sich den Handlungsspielraum für die freiwilligen Aufgaben dauerhaft erhalten. Die Jugendarbeit müssen wir ganz konkret neu definieren und gemeinsam mit allen Akteuren vor Ort, wie den Jugendlichen selbst, den Vereinen, Kirchen, Verwaltung und Politik verbessern. Ich habe die berechtigte Hoffnung, dass gemeinsam mit dem Mittelzentrum, den Mitarbeitern der Verwaltung, mit allen Fraktionen und über Parteigrenzen hinweg wir viel gemeinsam bewirken können.“

Welche Lösungsansätze sehen Sie für manche dieser Herausforderungen?

Heinrich: „Ich werde mich gleich zu Beginn meiner Amtszeit mit den Fraktionen zu allen wichtigen Aufgaben verständigen. Ich habe die Verwaltung der Stadt Elsterwerda, des Landkreises Elbe-Elster, der Landes – und Bundesebene stets als kompetent und konstruktiv erlebt und werde gemeinsame Lösungsansätze eruieren und umsetzen.“

Wie kinder- und familienfreundlich ist Elsterwerda zurzeit in Ihren Augen?

Heinrich: „Mit einem umfangreichen und qualifizierten Bildungsangebot und den Kindertagesstätten haben wir eine hervorragende Grundlage, die es zu erhalten und auszubauen gilt. Es gibt noch Defizite an der Aufenthaltsqualität für Kinder und Familien im öffentlichen Raum. Dazu habe ich ganz konkrete Ideen zur Konzeption des Freilandmuseums zur Stadtgeschichte im Stadtpark und in Elsterwerda/West entwickelt. Ganz wesentlich bleibt die Unterstützung unserer Vereine. Sie leisten Großartiges für das Miteinander der Stadt, für unsere Kinder und Jugendlichen und für das gesamte gesellschaftliche Leben.“

Welchen Stellenwert hat unter Ihrer Führung zukünftig der Tourismus in der Stadt Elsterwerda?

Heinrich. Kultur und Tourismus haben noch viel nachzuholen. Regionen, die in diesem Kontext über Jahre klug investieren, sind attraktiv, verzeichnen Zuwächse in Wirtschaft und als Lebensmittelpunkt. Elsterwerda braucht unverwechselbare Alleinstellungsmerkmale und eine engere Vernetzung zu den bestehenden Kulturträgern in der Region, eigene Highlights und eine sichtbare Pflege von Traditionen und einer eigenen Identität.“

Welche Potentiale sehen Sie hinsichtlich des Tourismus noch in Elsterwerda schlummern?

Heinrich: „Wir können auf eine überaus spannende Geschichte zurückblicken, haben Traditionen im Handwerk, bemerkenswerte Biografien und besuchenswerte Orte der Kultur. Denken Sie an die Generationen der Familie Nadler, an die reiche Historie von Elsterschloss, Gärtnerhäuschen, Schlosspark und Seminarbrunnen, an die Geschichte der Holzflößer, die Tonwarenherstellung, IMPULSA, ELFA, der Bahn, der Lebensmittelindustrie und vieles mehr. Nirgends in der Stadt findet sich für den Besucher ein ’Einstieg‘, diese Stadt kennenzulernen. Die Schätze, die in unserem städtischen Archiv schlummern, müssen zugänglicher werden. Erst heute habe ich einen Antrag zur Finanzierung von Audioguides in der Kleinen Galerie, welche im Stadtzentrum ebenso Verwendung finden könnten, initiiert. Es wäre ein kleiner aber tourismusfördernder Beitrag.“

Wie kann auch in Zukunft eine starke Händler- und Gewerbegemeinschaft in Elsterwerda gesichert werden?

Heinrich: „In unserer Stadt leben und arbeiten zahlreiche Händler und Gewerbetreibende. Und wir haben es oft nur deren Courage und kaufmännischem Geschick zu verdanken, dass dieses vielfältige Angebot vor Ort bis heute realisiert werden kann. Ich werde zu gegebener Zeit alle Händler einladen, mich mit ihnen beraten und für eine gemeinsame Internetplattform im Rahmen der Wirtschaftsförderung werben.“

Sie selbst wohnen seit Jahrzehnten in Elsterwerda. Zurzeit beherrscht der Herbst die Stadt. Warum lohnt trotzdem ein Besuch?

Heinrich „Der Herbst ist eine wundervolle Jahreszeit. Erntedank und Kirmes gehören seit Kindertagen dazu. Schauen Sie sich die Farbenpracht entlang der Schwarzen Elster, der Pulsnitz oder im nahen Niederlausitzer Heidepark an, besuchen Sie den Miniaturenpark, lassen Sie sich inspirieren in der gegenwärtigen Fotoausstellung in der ’Hans Nadler‘-Galerie, spazieren Sie durch den Schlosspark und kehren ein in eines der Wirtshäuser unserer Stadt oder probieren mal Elsterwerdas Bier ’Das Köckritzer‘. In den Geschäften unserer Stadt wird man Sie herzlich empfangen und gern bedienen. Einkehr, Ruhe und Frieden finden Sie in unseren beeindruckenden Kirchen der Stadt. Und gerade, wenn es draußen etwas ungemütlicher wird, können Sie viel Spannendes in unserer Stadtbibliothek entdecken oder in ’Kurbis Schauwerkstadt‘ in der Bahnhofstrasse, wo Sie schon heute einen vorweihnachtlichen Eindruck genießen dürfen und so manches handwerkliche Kunstwerk entdecken.“

Ihr letztes Wort…?

Heinrich: „…formuliere ich analog des Bundestagspräsidenten: ’Und wenn ich auf irgendetwas besonders stolz sein werde, dann, dass dieses Stadtparlament in der Lage sein wird, wenn es wirklich wichtig ist, das Suchen nach gemeinsamen Lösungen noch wichtiger sein wird, als der übliche Konkurrenzreflex.‘“

Wochenkurier - Stefan Staindl



aktualisiert von Anja Heinrich, 28.10.2017, 11:54 Uhr


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